38.
Wer krank ist und liegt in der Not
Und folgt nicht eines Arztes Gebot,
Der hab den Schaden, der ihm droht!
Von unfolgsamen Kranken
Der ist ein Narr, der nicht versteht,
Was ihm ein Arzt in Nöten rät,
Und der nicht recht Diät will leben,
Wie ihm der Arzt hat aufgegeben,
Und der für Wein das Wasser nimmt
Und andres, was ihm sonst nicht ziemt,
Und schaut, daß er sein Lüstchen labe,
Bis man ihn hinträgt zu dem Grabe.
Wer bald der Krankheit will entgehn,
Der soll dem Anfang widerstehn,
Denn Arzenei muß wirken lang,
Wenn Krankheit schon nahm Überhang.
Wer gern will werden bald gesund,
Der zeig dem Arzte recht die Wund'
Und dulde, daß man sie aufbreche
Oder mit Sonden darein steche,
Sie hefte, wasche und verbinde,
Ob man ihm auch die Haut abschinde,
Damit ihm nur das Leben bleibe
Und man die Seel nicht von ihm treibe.
Ein guter Arzt darum nicht flieht,
Wenn auch der Kranke halb hinzieht;
Ein Siecher billig dulden soll
Auf Hoffnung, daß ihm bald werd wohl.
Wer einem Arzt in Krankheit lügt
Und in der Beicht den Priester trügt
Und Falsches sagt dem Advokaten,
Der ihm doch soll zum Rechten raten,
Der hat sich ganz allein belogen,
Zu seinem Schaden sich betrogen.
Ein Narr ist, wer den Arzt befragt
Und nicht beachtet, was der sagt,
Doch alter Weiber Rat hält fest
Und in den Tod sich segnen läßt
Mit Amulett und Narrenwurz,
Drum nimmt zur Hölle er den Sturz.
Des Aberglaubens ist jetzt viel,
Womit man Heilung suchen will –
Wenn ich das alles zusammensuch,
Mach ich wohl draus ein Ketzerbuch.
Der Kranke nach Gesundheit trachtet,
Woher ihm Hilf kommt, er nicht achtet:
Den Teufel riefe mancher an,
Daß er der Krankheit möcht entgahn,
Wenn ihm von dem nur Hilfe würde
Und nicht Besorgnis ärgrer Bürde.
Der wird in Narrheit ganz verrucht,
Wer wider Gott Gesundheit sucht
Und ohne Weisheit doch begehrt,
Daß er will klug sein und gelehrt,
Der ist gesund nicht, sondern blöde,
Nicht klug, vielmehr in Torheit schnöde;
In steter Krankheit er verharrt,
In Wahn und Blindheit ganz ernarrt.
Krankheit aus Sünden oft entspringt,
Denn Sünde großes Siechtum bringt.
Drum wer der Krankheit will entgehn,
Dem soll Gott wohl vor Augen stehn,
Der soll sich erst der Beichte nahn,
Eh er will Arzenei empfahn,
Und soll zuvor die Seele heilen,
Eh er zum Leibesarzt will eilen.
Aber es spricht jetzt mancher Gauch:
»Was sich beleibt, beseelt sich auch!«
Doch wird es sich zuletzt so leiben,
Daß weder Leib noch Seele bleiben,
Und ewige Krankheit ficht den an,
Der hier will zeitlicher entgahn.
Viel sind verfault und längst schon tot,
Die besser vorher suchten Gott
Und seine Gnade, Hilf und Gunst,
Ehe sie suchten Ärztekunst
Und Leben hofften ohne Gnaden:
Sie starben zu der Seele Schaden.
Hätt Makkabäus recht vertraut
Auf Gott und nicht auf Rom gebaut,
Wie er zuerst gesonnen war,
Er hätt gelebt noch lange Jahr'.
Hiskias wär gestorben tot,
Hätt er sich nicht gekehrt zu Gott
Und so erworben, daß Gott wollte,
Daß er noch länger leben sollte.
Hätt sich Manasse nicht bekehrt,
Gott hätt ihn nimmermehr erhört.
Der Herr zu dem Bettsiechen sprach,
Der lange Jahr' gewesen schwach:
»Geh hin, bleib rein und sei kein Narr,
Daß dir nicht Schlimmeres widerfahr!«
Mancher gelobt in Krankheit viel,
Wie er sein Leben bessern will,
Von dem spricht man: »Der Sieche genas
Und wurde schlimmer, als er was!«
Er meinet Gott damit zu äffen:
Bald wird ihn größre Plage treffen!