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Wir alle haben das Bedürfnis, von jemanden gesehen zu werden.
Ein Roman ist nicht die Beichte eines Autors, sondern die Erforschung dessen, was das menschliche Leben bedeutet in der Falle, zu der die Welt geworden ist.
Die Einzigartigkeit des menschlichen Ich liegt gerade in dem verborgen, was an ihm unvorstellbar ist. Vorstellen können wir uns nur, was an allen Menschen gleich, was allgemein ist. Das Individuelle des Ich ist das, was es vom Allgemeinen unterscheidet, was sich also nicht von vornherein abschätzen und berechnen lässt, was man am anderen erst enthüllen, entdecken und erobern muss.
Sofern es überhaupt möglich ist, die Menschen in Kategorien einzuteilen, kann man das sicher nach ihren existentiellen Bedürfnissen tun, die sie zu dieser oder jener Lebenstätigkeit hinlenken. Jeder Franzose ist anders. Aber alle Schauspieler dieser Welt gleichen sich, ob in Paris, in Prag oder an dem kleinsten Provinztheater.
Konzentrationslager bedeutet: Liquidierung des Privaten.
Wie kommt es aber, dass jemand, der so wenig von den Menschen hält, so von ihrer Meinung abhängig ist?
Ist der Mensch unschuldig, weil er unwissend ist? Ist ein Dummkopf auf dem Thron von aller Verantwortung freigesprochen, nur weil er ein Dummkopf ist?
Wirklich ernsthaft sind nämlich nur Fragen, die auch ein Kind stellen kann. Nur die naivsten Fragen sind wirklich ernsthaft. Es sind die Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, ist eine Barriere, über die man nicht hinausgehen kann. Anders ausgedrückt: Gerade durch die Fragen, auf die es keine Antworten gibt, sind die Möglichkeiten des Menschen abgesteckt, die Grenzen seiner Existenz gezogen.
Wenn ein Privatgespräch bei einem Glas Wein öffentlich im Radio gesendet wird, was heißt das anderes, als dass die Welt sich in ein Konzentrationslager verwandelt hat?
Das Ziel, das man verfolgt, bleibt immer verschleiert. Ein junges Mädchen, das von der Ehe träumt, träumt von etwas, das ihr ganz unbekannt ist. Ein junger Mann, der dem Ruhm nachjagt, weiß nicht, was Ruhm ist. Was unserem Handeln einen Sinn gibt, ist stets völlig unbekannt.
Man kann die Eltern, den Ehemann, die Liebe und die Heimat verraten, wenn es aber keine Eltern, keinen Ehemann, keine Liebe und keine Heimat mehr gibt, was bleibt dann noch zu verraten?
Liebe bedeutet, auf Stärke zu verzichten.
Seit der Zeit weiß ich, dass Schönheit eine verratene Welt ist. Man kann nur auf sir stoßen, wenn ihre Verfolger sie aus Versehen irgendwo vergessen haben.
Nur der Zufall kann als Botschaft verstanden werden. Was aus Notwendigkeit geschieht, was absehbar ist, was sich täglich wiederholt, ist stumm. Nur der Zufall ist sprechend. Wir versuchen, aus ihm zu lesen wie die Zigeunerinnen aus dem Muster des Kaffeesatzes auf dem Grund der Tasse.
Wird aber ein Ereignis nicht um so bedeutungsvoller und gewichtiger, je mehr Zufälle für sein Zustandekommen notwendig sind?
Unser Alltag wird von Zufällen bombardiert, genauer gesagt, von zufälligen Begegnungen zwischen Menschen und Ereignissen, die man Koinzidenzen nennt.
Nicht die Notwendigkeit, sondern der Zufall ist voller Zauber. Soll die Liebe unvergesslich sein, so müssen sich vom ersten Augenblick an Zufälle auf ihr niederlassen wie die Vögel auf den Schultern des Franz von Assisi.
Man kann dem Roman also nicht vorwerfen, vom geheimnisvollen Zusammentreffen der Zufälle fasziniert zu sein (wie etwa dem Zusammentreffen von Wronski, Anna, Bahnsteig und Tod oder dem Zusammentreffen von Beethoven, Tomas, Teresa und Cognac), dem Menschen aber kann man zu Recht vorwerfen, daß er im Alltag solchen Zufällen gegenüber blind sei und dem Leben so die Dimension der Schönheit nehme.
Ohne es zu wissen komponiert der Mensch sein Leben nach den Gesetzen der Schönheit, sogar in Momenten tiefster Hoffnungslosigkeit.
Gerade der Schwache muss stark sein können und weggehen, wenn der Starke zu schwach ist, dem Schwachen ein Unrecht antun zu können.