Exkurs
• Ideologie als Gesamtheit, als System des Bewusstseins ganzer historischer Epochen angesehen, als
historische Größe, die sich durch soziale Prozesse in permanenter Entwicklung befindet. Ideologie ist
das Ensemble aller Akte und Formen des kollektiven Bewusstseins einer historischen Epoche, deren
materielle Formen den Ausgangspunkt für die ideologiewissenschaftliche Analyse darstellen. Außerhalb
der Gesellschaft kann es keine Ideologie geben (H. Glück, XXV)
• ideologisches Milieu fasst Ideologie als Funktion des jeweils historischen materiellen Seins, aber auch
als selbstständig evolutionierendes semiotisches System
• Literaturwissenschaft als einer der Zweige der Ideologiewissenschaft mit der besonderen Beziehung
der Literatur zu den anderen Ideologien
→ Literatur spiegelt sozioökonomische Verhältnisse wider und bricht diese in der Widerspiegelung
(ideologisches Milieu). Die Produkte werden im Inhalt der Literatur nochmals widergespiegelt und
gebrochen (Literatur selbst als Bestandteil des ideologischen Milieus) (S.19)
→ Literatur als eine soziale Erscheinung
→ Literatur besitzt gegenüber allen anderen Bereichen der Ideologie die Besonderheit, dass sie die reale
Wirklichkeit nicht direkt widerspiegelt, sondern doppelt gebrochen; 'rohe Wirklichkeit' kann in den
Inhalt der Literatur nicht eingehen.
→ umfasst die Ideologien und die dazugehörigen Probleme in ihrem Entwicklungsstadium
→ ideologisches Milieu als künstliche Formierung
- Kritik der formalen Methode
• Der russischen Kritik- und Literaturgeschichtsschreibung unterlaufen drei methodologische
Kardinalfehler
1) beschränken Literatur nur auf einen Aspekt der Spiegelung
2) nehmen die Widerspiegelung des ideologischen Milieu als direkte Spiegelung wahr
3) ideologische Faktoren werden dogmatisiert und vollends ausformuliert wahrgenommen
→ künstlerische Struktur wird als 'simple technische Stütze für andere Ideologien' ignoriert, dies ist aber
die fundamentale Eigenschaft eines literarischen Werks
• Kritik sowohl des russischen Formalismus (Fehlen der widergespiegelten Wirklichkeit) als auch des
westlichen (Unterbewertung der strukturierenden Funktion des Werkes) (S.33)
→ falsche Einschätzung der zentralen Strukturelemente → Verzerrung der gesamten Struktur
• weitere Gefahren
→ Fetischisierung des Werkes
→ Verwandlung des Werkes in ein sinnentleertes Ding ← oder zur schlichten Dienerin der anderen
Ideologien
→ Verwandlung des literarischen Milieus in eine absolut abgeschlossene Welt
• formale Methode ist dennoch 'unausweichlich'
- Vorschlag einer Überwindung der formalen Methode – die marxistische Methode
• künstlerische Struktur eines Werkes darf nicht separat von der künstlerischen Funktion betrachtet
werden (Inhalt von Form)
→ soziologische Einordnungen des künstlerischen Ideologems/ des Kunstwerks soll 'dingfest' gemacht
werden
• Verkettung aller Glieder (nach Schema 1) funktioniert nur ohne Sprünge – als verbesserte Methode
• Medvedev zitiert Sakulin: „Wenn man sich konkret den Gesamtablauf der Arbeit des
Literaturhistorikers vorstellt, dann beginnt sie, natürlich, mit der immanenten Analyse einzelner Werke
und einzelner Schriftsteller […]. Die Elemente der poetischen Form (Laut, Wort, Bild, Rhythmus,
Komposition, Genre), die poetische Thematik, der künstlerische Stil insgesamt – all das wird zunächst
immanent analysiert mit Hilfe der Methoden, die von der theoretischen Poetik erarbeitet wurden, wobei
sie sich auf Psychologie, Ästhetik und Linguistik stützte und die, zumindest teilweise, nunmehr von der
sogenannten formalen Methode praktiziert werden. (S.40)
→ soziologische Methode wird in Kraft gesetzt
→ Medvedev erweitert die Aussage – die soziologische Poetik wird zu Voraussetzung
→ soziologische Poetik hat den ersten Platz in der Reihe der literaturwissenschaftlichen Disziplinen:
ohne diese ist die produktive Erstellung einer Literaturgeschichte, auf der Basis der marxistischsoziologischen
Methode, nicht möglich
• Literaturkritik soll ihrerseits den 'sozialen Auftrag' an den Dichter in dessen eigener Sprache
formulieren, als dichterischen Auftrag
→ Kritik als Vermittler zwischen dem Dichter und seinem Auditorium
→ das kann im Formalismus niemals erfüllt werden, weil das soziale Leben und das poetische Werk
einander fremd sind (formalistische Experimente als Ergebnis der nicht funktionierenden
Kommunikation)
→ Sprache der Kunst ist somit „nur ein Dialekt einer einzigen sozialen Sprache“ (S.47)
→ Grundfunktionen der Literaturkritik sind somit Erteilen des Auftrags und Beurteilung der Ausführung